Geschmack für alle Lebenslagen

Serienwahn: Mr. Robot

Mr Robot Elliot 01

»Sometimes I dream of saving the world«: Protagonist Elliot Alderson.

Es ist schwierig, ein Held zu sein, wenn man den Großteil der Menschen nicht mag. Wobei nicht mögen wahrscheinlich der falsche Ausdruck ist—auch wenn Elliot es selbst so nennt. Er ist skeptisch. Zu lang die Kette von Enttäuschungen, die bis in seine Kindheit reicht. Zu irrsinnig das Spiel, in dem sich Menschen für die oberflächlichen Gratifikationen des modernen Lebens in alle Richtungen verbiegen und es selbst nicht einmal merken.

Elliots Anteilnahme am Schicksal seiner Weggefährtinnen beschränkt sich also auf das Nötigste. Ja, er spioniert die Personen in seinem Umfeld mithilfe seiner Hacker-Superkräfte aus. Aber dahinter steckt weniger der Wunsch, Menschen zu manipulieren, als vielmehr das dringende Bedürfnis, sich eine sichere Nische zu schaffen, auf die die Umwelt einen möglichst kleinen Einfluss hat.

Das Genie, das so viel Positives bewirken könnte, ist fast schon ein Langweiler. Schlimmer noch: Auch Elliot erliegt der Doppelmoral, die ihm so verhasst ist. Auch er bestreitet sein Einkommen, indem er für das System arbeitet, das er in Gedanken so gerne stürzen würde.

Welche Gründe gäbe es demnach für den Großteil der Menschen, so einen Helden zu mögen? Nicht gerade viele. Wenn Elliot nicht ausgerechnet in eine Situation stolpern würde, die den Ausgangspunkt für die größte Revolution der Geschichte bilden könnte.

Mr. Robot ist ein Thriller, der sich seine spannenden Momente mit großer Ausdauer verdient. Ein Drama, das besonders dann durch seine schauspielerische Leistung glänzt, wenn das Skript einmal Schwachstellen aufweist. Zu guter Letzt ist es für mich die erste Serie, die zeitgenössische Technologie wirkungsvoll und authentisch als Erzählmittel einsetzt.

Der Ort ist New York.

Ein einziges Unternehmen hat die Weltwirtschaft weitgehend unter seiner Kontrolle. E Corp heißt es eigentlich, doch der Klarheit halber spricht Elliot stets von Evil Corp. Ach ja, Elliot ist der Erzähler und wir, die ihm zusehen, sind seine imaginäre Freundin. Der kleine Scherz, den Elliot sich mit dem Firmennahmen erlaubt, deutet bereits auf ein grundlegendes Problem hin. Die Beziehung zwischen Erzähler und Publikum basiert auf einem ständigen Misstrauen, das in beide Richtungen wirkt. Nicht nur wir fühlen uns immer wieder getäuscht, auch Elliot fragt seine Adressatin nach so manchem unvorhergesehenen Ereignis: »Were you in on this?«

Der Hass gegen den Megakonzern ist jedenfalls echt. Elliots Vater arbeitete für Evil Corp, wurde auf diese Weise Opfer eines Chemieunfalls und starb an den Folgen. Ein Schicksal, das Elliot mit seiner besten Freundin Angela teilt. Sie hat auf die gleiche Weise ihre Mutter verloren. Nun verteidigen sie beide für die Cybersecurity-Firma Allsafe digitale Infrastruktur gegen virtuelle Angriffe. Wichtigste Kundin ist natürlich: Evil Corp.

Angela und Elliot sind eigentlich zwei Versionen derselben Figur. Sie versucht, innerhalb der bestehenden Strukturen für Gerechtigkeit zu kämpfen. Er schwankt zwischen Depression und Größenwahn; wenn er sich einmal aus seinem destruktiven Gedankengefängnis befreien kann, würde er die Welt am liebsten mit dem Vorschlaghammer in Trümmer legen.

Auf dem Papier wirkt diese Konstellation vielleicht gekünstelt. Vor der Kamera sieht man dann nur noch die gepeinigten Augen von Rami Malek, der Elliot spielt, hört seine verletzliche Stimme, und schon lösen sich solch theoretische Bedenken in Luft auf.

Gleiches gilt für Portia Doubleday als Angela, die bereits mit ihrem wenige Minuten langen Auftritt in Her einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Vielleicht ist es diese Vertrautheit, die sie in ihrer neuen Rolle zunächst trügerisch zahm erscheinen lässt. Doch als Angela etwas später als Elliot feststellt, dass auch sie ein normales Leben nicht locken kann, gelangt sie dank Doubleday erst zu ihrer wahren Größe.

»Give a man a gun and he can rob a bank, but give a man a bank, and he can rob the world«

Die unterschiedlichen Ambitionen von Angela und Elliot, die zunächst auseinanderdriften und dann im Staffelfinale aufeinanderprallen, machen Hoffnung für die Zukunft von Mr. Robot. Gleichzeitig sieht man daran, wie Serienschöpfer Sam Esmail persönliche Schicksale mit den großen Fragen unserer Zeit verknüpft. Im Interview spricht er über seine größten Inspirationsquellen. Da ist zum einen der Arabische Frühling, den er vielleicht besonders intensiv wahrgenommen hat, weil seine Eltern aus Ägypten stammen. Dazu kommt der Bankencrash von 2008, der den Hauch der Revolution bis in die USA versprüht hat.

Bei diesen Themen tritt die latent pessimistische Zwiespältigkeit der beiden Hauptfiguren wieder hervor: Wie kann ein Staat demokratisch regiert werden, wenn sich wie in Ägypten die Macht in den Händen ein paar weniger konzentriert? Sollte man ein Finanzsystem retten, das die immer wiederkehrende Krise zu seiner Existenzbedingung macht?

Für die meisten Menschen dürften solche Überlegungen keine direkte Auswirkung auf den Alltag haben. Aber die meisten Menschen heißen auch nicht Elliot Alderson. Zeit, über fscociety zu reden.

Evil Corp wird von allen Seiten angegriffen. Was auf den ersten Blick wie eine konventionelle DDos-Attacke aussieht, ist in Wirklichkeit ein ausgefeilter Plan, um das Unternehmen mithilfe eines fortpflanzungsfreudigen Rootkits von innen lahmzulegen. Elliot braucht nicht lange, um diese Vorgehensweise zu durchschauen und die Malware loszuwerden. Doch als er dabei ist, den letzten infizierten Server zu säubern, fällt ihm eine Nachricht der Täterinnen auf. Im Readme von fsociety00.dat befindet sich die Anweisung: »Leave me here.«

Ein seltsam gewagtes Vorgehen für eine Gruppe, die sonst nichts dem Zufall überlässt. Noch seltsamer ist nur, dass Elliot sich tatsächlich an die Vorgabe hält. Bald stellt sich heraus, dass fsociety das menschliche Risiko genau einkalkuliert hat. Vielleicht kennen sie Elliot sogar besser als er sich selbst. So scheint es jedenfalls, als er von einem Unbekannten in der U-Bahn angesprochen wird, der offenbar genau weiß, dass sich das Rootkit noch immer an der gewünschten Stelle befindet.

Zu diesem Zeitpunkt hat Elliot ohnehin die Paranoia gepackt. Ob ein so mächtiger Konzern wie Evil Corp nicht schon längst von seinem Vergehen mitbekommen hat? Ob die Männer in Schwarz, die plötzlich überall auftauchen, etwa auf ihn angesetzt wurden? Da wirkt es fast beruhigend, dass jemand offen zugibt, sein Geheimnis zu kennen. Er folgt der mysteriösen Figur bis ans Ende der Stadt.

Schlimmer, als entdeckt zu werden: Nicht zu wissen, ob man entdeckt wurde.

Coney Island. Der Ort, an dem Kindheitserinnerungen entstehen. In einer ehemaligen Spielhalle befindet sich der Treffpunkt von fsociety.

Während die alten Arcade-Automaten funkeln, arbeiten die Hackerinnen an einem Sabotageakt, der die Welt ins Wanken bringen soll. Ihr Anführer, der sich Mr. Robot nennt, erklärt: Evil Corp wickelt 70 Prozent des weltweiten Kreditkartengeschäfts ab. Die globalen Finanzströme fließen so schnell, dass nur noch digital Buch geführt wird. Wer es also schafft, die Einträge samt Backups zu löschen, vernichtet damit auch all die Schulden, die Millionen von Menschen an ihre ausbeuterischen Jobs fesseln. Von einer Sekunde zur nächsten ist das lohnabhängige Proletariat endlich frei.

Klingt nach einem gewagten Plan. Aber wer wäre besser dazu geeignet als Elliot, ihn in die Tat umzusetzen?

Natürlich geht die Geschichte hier erst richtig los, und geradlinig verläuft sie sowieso nicht. Ich könnte ausholen und von Elliots Nachbarin Shayla berichten, die ihn mit Drogen versorgt. Weil er psychisch angeschlagen ist und sein Leben kaum ertragen kann, verabreicht er sich nämlich Morphium. Weil er aber auch Hacker ist, nimmt er das Gegenmittel gleich dazu. Nun ist das Drogengeschäft durchaus gefährlich, was dazu führt, dass Shayla und mit ihr Elliot in Schwierigkeiten geraten.

Ich könnte auch über Tyrell Wellick sprechen, den ambitionierten Newcomer im Hause Evil Corp, der auf dem besten Weg ist, jüngster CTO der Firmengeschichte zu werden. In ihm hat Elliot einen absolut ebenbürtigen Gegenspieler gefunden—oder könnte man ihn gar Verbündeten nennen? Martin Wallström geht jedenfalls ganz in seiner Rolle auf und ist im Business-Look kaum wiederzuerkennen. An dieser Stelle könnte ich auch auf Tyrells wunderbar berechnende Frau eingehen und die Tatsache, dass die beiden nur auf Schwedisch miteinander kommunizieren.

All diese Figuren und Erzählstränge sind aber so intelligent miteinander verwoben, dass ich dazu zwangsläufig die ganze erste Staffel nacherzählen müsste. Und die sieht man natürlich am besten selbst.

Mr Robot Elliot 02

Railhanger!

Vielleicht sieht man sie auch gleich zweimal. Dann fällt einem auf, wie ungewöhnlich die Kameraeinstellungen sind, bei denen die Charaktere wortwörtlich in die Ecke gedrängt werden. Ihre Blicke stoßen gegen eine unsichtbare Wand, wie eine Wespe gegen eine Fensterscheibe. Bei all dem freien Raum, den die Figuren im Rücken haben, entscheiden sie sich fast immer für die Richtung, in die es scheinbar nicht weitergeht.

Genauso gibt es die Momente, in denen sich die Hindernisse nur im Innenleben auftürmen. Sichtbar wird das zum Beispiel in der U-Bahn. Als Elliot ein schlechtes Gewissen plagt, fragt ihn das Plakat einer Bowlingbahn: »How do you sleep at night?« Als Darlene, Teil von fsociety, auf ein rivalisierendes Kollektiv stößt, steht auf dem Schild hinter ihr: »We’re serious about safety—your safety.«

Leider schafft es die Serie nicht immer, vorgefertigte Symbole so elegant in den Plot einzubinden. Elliot redet dann beispielsweise davon, den Quelltext anderer Menschen lesen zu können und so deren Exploits ausfindig zu machen. Er verwendet Akronyme wie AFK und IRL in normalen Gesprächen und verschwendet damit kostbare Glaubwürdigkeit.

Durchweg überzeugen kann dagegen die Musik, die von Mac Quayle komponiert wurde. Die Klänge, die Elliots Geisteszustand einfangen, bewegen sich irgendwo zwischen der düsteren Wucht Trent Reznors und der sphärischen Melancholie eines Cliff Martinez. Sie sorgen dafür, dass das Drama seinen Tiefgang erhält und nicht etwa in seichte Coming-of-Age-Gefilde abdriftet. Trotzdem drängt sich der Soundtrack nie in den Vordergrund, im Gegenteil: Er trägt dazu bei, dass eine seltsame Ruhe entsteht, die durch das teilweise sehr niedrige Tempo des Schnitts unterstützt wird.

So ist Mr. Robot trotz seiner Fülle an vielschichtigen Charakteren und seinem Mut zu großen Themen letztendlich eine sehr persönliche und emotionale Geschichte. Elliot Alderson mag kein echter Held sein, aber dafür ist er ein echter Mensch. Und dazu noch unser Freund. Ist das nicht alles, was man sich wünschen könnte?

Die Serie wurde vom USA Network ausgestrahlt und ist jenseits des Atlantiks auf Hulu verfügbar. Europäische Interessentinnen können die Originalversion bei Amazon [Affiliate-Link] oder iTunes kaufen.
Florian Lehmuth
28. September 2015
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