Geschmack für alle Lebenslagen

It’s Koreatown

Los Angeles Double Exposure

26. Juli 2016

Auf dem Heimweg von Santa Monica mit dem Bus. Ausstieg Wilshire / Vermont. Es ist nach halb zwei Uhr morgens in Koreatown. Ich habe die neuen Ohrstöpsel aufgesetzt und freue mich darauf, bald im Bett zu liegen.

Eine rote Ampel bringt mich zum Stehen.

Von der Seite kommt ein Typ auf mich zu, von der Sorte, von der man sich zu dieser Tageszeit eher ungern ansprechen lässt. Als ich die Kopfhörer abgenommen habe, höre ich nur noch die Worte »drop off.«

Ich blicke auf ein Stück Papier, das mir der Typ entgegenstreckt. Dann in sein Gesicht, das mindestens so verdutzt aussehen muss wie meins. Dann wieder auf seine Hände, in denen er bei genauerer Betrachtung eindeutig einen etwa einen Zentimeter dicken, in der Mitte gefalteten Briefumschlag hält.

»I’m sorry,« sage ich und gehe kopfschüttelnd über die Straße. Der Unbekannte bleibt zurück.

Ich rätsle minutenlang, aber mir fällt nicht ein, was in dem Umschlag hätte sein können außer Geld oder Drogen.


27. Juli 2016

Bevor ich LA verlasse, steht noch ein Stück Alltag auf dem Programm. Ein Glück, dass sich gleich neben dem Hostel ein Waschsalon befindet.

Eigentlich habe ich ja vor, die Wartezeit produktiv zu nutzen, doch auch in Kalifornien dauert der längste Waschgang nicht einmal eine halbe Stunde. Ich sitze am einen Ende einer Bank und lese über den US-Wahlkampf, am anderen Ende tobt eine Gruppe von Kindern herum, die das Sitzmöbel gerade so aus eigener Kraft erklimmen können.

Da spricht mich James an. Ob ich einundzwanzig sei, fragt er in verschwörerischem Ton. Ich weiß nicht, was es ist: Vielleicht die abgetragene Jogginghose; oder die durch und durch ernste Miene; oder die Tatsache, dass er den einen Dollar extra, für den ich ihm ein Bier kaufen soll, als adäquates Lockmittel versteht. In einem Land, in einer Stadt, in der dieser Dollar absolut nichts wert ist.

James erinnert mich an verschiedene Mitschüler, die aus welchem Grund auch immer finanziell schlechter gestellt waren und auf die damals auch ich verächtlich herabblickte. Seltsam, wie sehr Armut in jede Faser eines Menschen eindringt und sich kaum wieder loswerden lässt. Seltsam, wie sehr ein einziges Marken-T-Shirt oder eine teure Jeans solche Überlegenheitsgefühle auslösen kann.

Die Zeiten haben sich geändert. Vielleicht habe ich gelernt, erst den Kopf anzustrengen, bevor ich meinen Finger auf andere richte, oder vielleicht hat sich auch nur mein Feindbild von denen da unten auf die da oben verschoben.

Vor allem aber bin ich selbst arm.

An meinem rechten Schuh löst sich die Sohle ab und mein T-Shirt sieht so unmöglich aus, dass ich mich damit kaum aus dem Haus traue. Der eine Dollar, für mich stellt er tatsächlich eine attraktive Belohnung dar. Doch am allerschlimmsten ist, wie ernst ich selbst unsere putzige kleine Transaktion nehme.

Zunächst einmal versuche ich, mich aus der Sache herauszuwinden. Ich will nicht schon wieder Ärger mit der Polizei. Oder nein, eigentlich fürchte ich nur um meinen Rucksack, der ein paar Meter entfernt in einer Ecke steht.

James liest mir die Bedenken von den Augen ab. Er sei ja selbst alt genug und hätte nur keinen gültigen Ausweis dabei. Außerdem würde er selbstverständlich auf meine Sachen aufpassen. Ich gebe mir einen Ruck. Mit dreiundzwanzig kann ich nicht schon lahmer sein als Mitt Romneys Großmutter.

Mit erhöhtem Puls und einer Hand voller Münzen gehe ich nach nebenan zu 7-Eleven. Eine Flasche Familiar Corona soll ich besorgen und habe dafür drei Dollar in Quarters bekommen, plus einen Dollar Aufwandsentschädigung. Als ich vor dem Kühlregal stehe, kostet die einzige Flasche, die der Beschreibung entspricht, vier Dollar. Dazu kommen noch Steuern.

Ich habe also auch noch ein Verlustgeschäft gemacht, denke ich mir, und das obwohl mich die Aktion mit hoher Wahrscheinlichtkeit den Rucksack kosten wird. Mein Logikvermögen ist so stark eingeschränkt, dass ich nicht darauf komme, das Bier in diesem ungünstigen Fall ja selbst trinken zu können.

An der Kasse zücke ich selbstverständlich die Kreditkarte; es gilt jetzt, so vertrauenswürdig zu wirken wie irgend möglich. Der Verkäuferin ist deutlich anzusehen, was sie von meiner Auswahl hält. Wenn man in dieser Gesellschaft Bier kaufen und sein Gesicht wahren möchte, dann ist der Vormittag wohl nicht die rechte Zeit dafür.

Immerhin kann ich den Reisepass in der Tasche lassen. Stattdessen werde ich gefragt, ob ich eine Tüte möchte. Ich bekomme ein Tütchen aus braunem Papier, das die Flasche eher hervorhebt als sie zu verbergen. Wie im Film, denke ich. Jetzt müssten auf dem Etikett statt des Markennamens nur noch zwei schwarze Kreuze sein.

Ich blicke links und rechts die Straße entlang, aber da ist niemand, der mit einem großen, grünen Rucksack schnell um eine Ecke biegt.

Als ich mit der Ware zurück in den Waschsalon komme, ist von James keine Spur zu sehen. Dann taucht er hinter einer Waschmaschine auf, nimmt das Tütchen entgegen und bedankt sich höflich. Meine Sachen sind natürlich noch da.

Es stellt sich heraus, dass mein Geschäftspartner im gleichen Hostel abgestiegen ist wie ich. Hätte ich nicht am Morgen ausgecheckt, hätten wir vielleicht sogar ein Zimmer geteilt. Und uns am Abend zusammen betrinken können.

Florian Lehmuth
30.08.2016
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