Geschmack für alle Lebenslagen

And just like that, she’s gone

The Realest Real Carrie Brownstein

06. April 2016

»I love your name,« schreibt sie. Ich bin plötzlich hellwach.

Das ist nicht das Spiel, an das ich mich gewöhnt habe: Links, links, links, rechts. Der kurze Adrenalinkick, wenn das Gegenüber genauso entscheidet. Die viel zu bemühten Nachrichten meinerseits. Konversationen, die spätestens dann verstummen, wenn ich weitergezogen bin. Eine neue Stadt: Links, links, links, rechts.

Sie ist anders. Ob sie weiß, wie oft Leute über meinen Namen stolpern, den ich auf Englisch selbst nicht richtig aussprechen kann? Ob sie sich vorstellen kann, wie unglaublich geschmeichelt ich mich fühle, dass sie sich zuerst meldet? Ob sie ihre Gender Studies im Kopf hat und nun bewusst in die Praxis übersetzt?

Ich bin sprachlos, aber nicht nur vor Glück. Es ist kein reiner Zufall, dass ich sie nicht von Anfang an mit Nachrichten überschüttet habe. Und doch liegt da etwas in ihrem Blick, das mich sofort angezogen hat. Was antworte ich nun der Unbekannten, über die ich nicht das Geringste weiß?

»I love your hair,« schreibe ich und verwünsche mich auf der Stelle. Es hätte tausend Komplimente gegeben, um statt des Aussehens ihren Charakter zu beschreiben.

Am Nachmittag hänge ich die Kamera um und mache mich zu Fuß auf den Weg zur Temple University.

Durch Zufall habe ich davon erfahren, dass an diesem kalten Apriltag Bernie Sanders nach Philadelphia kommen wird. Einlass ist um 17 Uhr; eine Viertelstunde zu spät laufe ich über den Campus. Der Veranstaltungsort, außerhalb des Wahlkampfes nur langweilige Basketball-Arena, müsste sich direkt vor mir befinden. Von einem Menschenauflauf ist nichts zu sehen, stattdessen kommen mir die meisten Studierenden entgegen und marschieren in Richtung Metro-Station.

Dann blicke ich um die Ecke und sehe sie: Hunderte, die dicht gedrängt zwischen Häuserwand und gelbem Absperrband stehen. Dutzende Polizistinnen und Polizisten, wie immer, wenn sich in diesem Land mehr als fünf Personen versammeln. Die Stimmung ist wie bei einem Großkonzert; es wird gefeiert, als hätte der Senator die Wahl bereits gewonnen.

Eine Frau mit Kopftuch lässt eine Unterschriftenliste herumgehen. Es werden Buttons und T-Shirts verkauft. Ein Mädchen mit bauchfreiem Bernie-Top lässt sich neben einem Jungen mit riesigem Bernie-Kopf aus Pappmaschee fotografieren. Es ist unglaublich, wie sehr ein heiserer, weißhaariger, 74-jähriger Sozialist die Herzen der Jugend in Wallung bringt, und augenscheinlich nicht trotz, sondern wegen seiner Verschrobenheit: Feel the Bern.

Ich sehe mich vergeblich nach dem Ende der Schlange um. Ein Polizist deutet zur nächsten Straßenecke, dort windet sie sich um das Gebäude und immer weiter, über sechs Blocks, fast einen Kilometer weit.

Auf einem leeren Parkplatz darf ich mich endlich einreihen. Über uns thront eines von Philadelphias unzähligen Murals, auf dem eine schwarze Hand eine Zeitung hält mit der Schlagzeile: »Still we rise!« Das Mädchen vor mir trägt einen Pullover, der komplett aus Stars and Stripes besteht.

Von der Mitte des Parkplatzes bis zur Ausfahrt dauert es gefühlt eine Stunde. Immerhin habe ich jetzt einen Blick auf die vorbeifahrenden Autos, die die Wartenden in regelmäßigen Abständen durch Hupen, Winken und Zurufen in Begeisterung versetzen. Ansonsten gibt es wenig Abwechslung.

Mir ist kalt. Ich zücke das Telefon und lande automatisch bei der Unterhaltung der letzten Nacht. Fast habe ich erwartet, ihr Gesicht irgendwo in der Menge zu sehen. Ich frage sie, ob sie sich mit mir treffen will. Sie sagt, sie habe keine Zeit. Meine Enttäuschung schlägt schnell in Erleichterung über: Wir haben einen Versuch gestartet und beendet, bevor es persönlich hätte werden können. Wahrscheinlich ist es am besten so.

Dann schlägt sie vor, etwas später essen zu gehen.

Ich sehe mich um. Die Dämmerung hat begonnen und ringsum macht sich Ernüchterung breit. Niemand weiß, ob wir es noch in die Halle schaffen werden. Es gibt nur zehntausend Plätze, was bei diesem Andrang zu einer echten Herausforderung werden könnte. Außerdem soll es um acht losgehen, bis dahin ist es nur noch eine halbe Stunde.

Ich schreibe ihr, ich könne es in einer Stunde schaffen.

Als ich einmal ein Knigge-Seminar besuchen musste, wurde mir gesagt, dass man sich für Verspätungen grundsätzlich entschuldigen sollte, ohne eine Begründung anzugeben.

Da ist was dran: Für sie spielt es keine Rolle, dass ich mich erst auf den Weg mache, als sie meinen Zeitplan bestätigt hat. Ihr kann es egal sein, dass ich noch eine halbe Ewigkeit durch die Regalreihen von Rite Aid irre um Balsam für meine Lippen zu finden, die wegen der kalten Luft schon fast bluten. Sie muss nicht wissen, dass ich in dieser Stadt noch nie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war; dass ich im unterirdischen Bahnhof kein Netz habe und fast keinen Akku mehr; dass ich meinen Zug verpasse, weil ich zum Bezahlen erst einen überdimensionierten Schein in eine ganze Handvoll Jetons umtauschen muss.

Nach fünf Stationen mit der U-Bahn wechsle ich zur Straßenbahn. Noch immer befinde ich mich im Untergrund und kann mich nicht bei ihr melden. Der Zeitpunkt der Verabredung kommt immer näher und verstreicht schließlich. Nach zwölf Äonen taucht der Trolley wieder auf. Ich bitte sie, noch ein wenig zu warten. Haltestelle folgt auf Haltestelle; meine neue, verzweifelt optimistische Zeitangabe lässt sich schon wieder nicht einhalten. An der siebzehnten Station darf ich endlich aussteigen. Desorientiert stürze ich los.

Im Laufen blicke ich auf mein Telefon, das seinerseits ein verzweifeltes Rennen gegen den Ladestand führt. »I don’t think I can wait any longer. Maybe we should reschedule.«

Ich will sterben, oder besser noch gar nie geboren worden sein, für immer getilgt aus dem Bewusstsein der Menschheit.

Doch Aufgeben wäre noch schlimmer. »But I’m finally there,« tippe ich mit zitternden Fingern, als ich endlich vor dem überfüllten Restaurant stehe. Mehr als zwanzig Minuten nach der vereinbarten Zeit. »Could you come outside real quick?«

Mit einem Mal steht sie neben mir. Sie trägt eine Bluse mit Blumenmuster und ihre Haare sind drapiert wie bei einer Schauspielerin aus den Zwanzigerjahren: Wow. Ich habe noch immer den nichtssagenden Pullover an, mit dem ich nachmittags aus dem Haus gegangen bin. Daran ist Berlin schuld, lüge ich. Immerhin scheint sie mir nicht böse zu sein.

Wir teilen uns eine vegane Pizza und versuchen, uns über den Umgebungslärm hinweg zu unterhalten. Es ist so laut, dass ich nur jeden zweiten Satz verstehen kann; in der Hälfte dieser Fälle frage ich nach, in der anderen Hälfte rate ich, was sie meinen könnte, um den Gesprächsfluss nicht völlig zum Erliegen zu bringen.

Sie erzählt von ihrer unkonventionellen Familiengeschichte und dass sie gerne einmal dem Peace Corps beitreten würde. Ich berichte von meiner enttäuschenden Erfahrung bei der Bernie-Rally und kann ihr zumindest versichern, nichts verpasst zu haben.

Obwohl wir uns so ähnlich sind, haben wir uns kaum etwas zu sagen. Zwischendurch flackert immer wieder ganz kurz das Gefühl einer Komplizinnenschaft auf, wie es wohl entstehen muss, wenn sich zwei Menschen so spontan in derart künstliche Umstände zwängen. Aber auf diesem Gefühl kann man sich nicht ausruhen. Da ist keine Beziehung, die von selbst wächst.

Unsere höfliche Unterhaltung endet, als wir über die unerwartet konservativen Öffnungszeiten des Restaurants informiert werden. Draußen bringen wir beide nicht den Mut auf, uns einfach so zu verabschieden. Auch, wenn wir genau wissen, dass an diesem Abend, dass mit uns beiden nichts mehr passieren wird. Sie zeigt mir die nächste Straßenbahnhaltestelle. Nachdem wir uns umständlich umarmt haben, kommt mein schlechtes Gewissen wieder zum Vorschein und bringt mich dazu, ein weiteres Treffen vorzuschlagen.

»I’d like that too,« sagt sie.


10. April 2016

Sie muss diesen Satz wirklich ernst gemeint haben. Wir haben uns noch einmal verabredet, im Kunstmuseum. Die Uhrzeit ist allerdings offen; fest steht nur, dass das Museum um 17 Uhr schließt.

Die letzte Nachricht stammt von ihr und ist mehr als 24 Stunden alt. Sie ist vollkommen belanglos. Ich weiß nicht, was sie damit meint. Ich kann ihr nicht mehr antworten, kann nicht einmal mehr die App öffnen und durch unsere leidenschaftslose Konversation blättern.

Den ganzen Tag über starre ich angespannt auf den runden schwarzen Punkt unterhalb des Displays, der bei neuen Nachrichten zu blinken beginnt. Ich versuche, mich darauf einzustellen, dass ich irgendwie reagieren muss. Die höfliche Unterhaltung fortführen. Begeisterung mimen.

Die Leuchtdiode bleibt dunkel.

Ich besuche das Haus, in dem Edgar Allan Poe mehrere Jahre lang wohnte. Das Gebäude ist als Denkmal gut erhalten, doch die Räume sind allesamt unmöbliert. Es ist eng und leer.

Anschließend mache ich mich auf den Weg in Richtung Kunstmuseum. Als ich ankomme, hat es längst geschlossen. Mein Telefon zeigt noch immer keine Regung. Das Scheitern unseres Treffens hat mich aus meinem Bann befreit; ich will sichergehen, dass sie sich tatsächlich nicht gemeldet hat.

Am Logan Square befindet sich ein großer Kreisverkehr. Ich überquere die Straße und suche verwirrt nach dem Bild, auf dem sie mich mit ihrem einzigartigen Blick sofort angezogen hat. So viele Nachrichtenstränge gibt es in meinem Postfach nicht. Vielleicht ein Ladefehler?

Ich schließe die App und öffne sie noch einmal. Dann wird mir klar, dass sie tatsächlich verschwunden ist, einfach so. Ich werde sie nie wieder sehen können, nie wieder Kontakt aufnehmen, nicht einmal unsere alten Nachrichten lesen. Plötzlich wird mir bewusst, wie einsam ich bin, in dieser fremden Stadt, in diesem fremden Land.

Auch wenn ich mir diesen Ausgang heimlich die ganze Zeit über gewünscht habe—auch wenn ich mich dadurch nie wieder erklären, rechtfertigen oder entschuldigen muss—ist dieser Moment trotzdem der schlimmste unserer kurzen, schwierigen Bekanntschaft.

Florian Lehmuth
15. September 2016
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