Geschmack für alle Lebenslagen

Wie ich in Bolivien zweimal nicht bestohlen wurde

21. Februar 2017

Als wir anhalten, wache ich auf. So ist es immer: Schlafen kann ich nur, wenn der Bus in Bewegung ist.

Manchmal blicke ich aus dem Fenster und sehe zu, wie die Welt an mir vorbeizieht, während ich ganz still auf meinem Platz sitze. Dann stellte ich fest, wie befreiend es doch ist, Orte, Menschen und Erinnerung einfach so hinter mir lassen zu können. Stets erst bei der Ankunft fällt mir auf, dass ich nach wie vor derselbe bin. Und ich merke, dass es nie darum ging anzukommen, sondern unterwegs zu sein.

An diesem mürrischen Dienstagmorgen endet die Fahrt viel zu früh. Eisengitter, Asphalt, Glastüren. Busbahnhof. Meine Tiefschlafphase ist um kurz vor sechs vorbei. Ringsum wird hastig das Handgepäck zusammengekramt. Eine nach dem anderen stolpert die Treppe hinunter. Kurzer Blick auf Google Maps: Nur ein Zwischenstopp in Puno. Es ist ja nicht so, als würden auch nur im Reisebus die Stopps angesagt, denke ich. Da ertönt von unten eine genervte Stimme: »Puno, Puno!«

Es geht weiter.

Kurz darauf bekomme ich zwei Zettel ausgehändigt, ein Einreiseformular und eine Erklärung für den Zoll. Weiterschlafen ist schon deshalb ausgeschlossen, weil ich warten muss, bis sich die Nebensitzenden den Kopf über bürokratische Details zerbrochen haben, um mir einen Stift ausleihen zu können.

Die Grenze lässt sich nur zu Fuß überqueren. Seit Tagen fahre ich gen Süden, doch draußen ist es noch immer scheußlich kalt: 3.812 Höhenmeter. Wieder einmal hat mich niemand darüber aufgeklärt, was ich genau zu tun habe. Diesmal erklärt es sich zum Glück von selbst. Ein unscheinbares Häuschen neben einer Wechselstube. Ein Ausreisestempel von Peru. Der leere Bus steht noch hinter einer Eisenkette, die einzige Barriere gegen den unerlaubten Grenzübertritt.

Ich habe nicht beobachtet, wohin all die Insassinnen verschwunden sind, also laufe ich an der Kette vorbei die Straße hinauf und durch einen steinernen Torbogen. Welcome to Bolivia. Wieder eine Wechselstube; wieder ein so unauffäliges Gebäude, dass daneben ein großer Wegweiser aufgestellt werden musste. Vor mir zwei Leute aus Chile, die beide neben dem Pass eine bedruckte A4-Seite in der Hand halten. Ich werde ein wenig nervös, weil ich einen solchen Zettel nicht habe. Aber kein Problem. Pass. Stempel. Bienvenido, gracias.

In Copacabana findet man Cafés mit Regalen zum Büchertausch und Restaurants mit kleinen Höfen, die so grün sind als gäbe es mehr Pflanzen denn Tische. Die Hostels sehen gleichermaßen verlockend aus. Ich will trotzdem nicht lange bleiben. Ich will nach La Paz, herausgefordert werden, das wahre Leben sehen, nur als Beobachter, nie als Mittelpunkt. Zu viele Reisende mit zu großen Rucksäcken hier, und ich nur ein weiterer von ihnen.

Frühstück. Am meisten freue ich mich auf das WLAN, aber die Verbindung ist so schlecht, dass ich mich bei Skype nicht einmal einloggen kann. Crap. Meine Krankenversicherung läuft aus. Ich muss Anrufe tätigen. Aber ein Tag bleibt mir noch. Rückbesinnung auf den Spruch, den mir zwei Spanier als inoffizielles Motto Lateinamerikas präsentiert haben: Hoy no. Mañana.

Neuer Blickwinkel. Warum an Papierkram denken, wenn ich für drei Euro ein Drei-Gänge-Menü bekomme? Ich habe ohnehin keine genaue Vorstellung, was es hier alles zu tun gibt. Dichte Wolken, immer wieder Nieselregen. Auf einem Boot möchte ich jetzt nicht sein.

Selbstverständlich habe ich von den schwimmenden Schilfinseln gehört. Selbstverständlich bin ich wie immer denkbar schlecht vorbereitet. Das Original gibt es nur auf der peruanischen Seite. Enttäuschung? Nein, eigentlich bin ich erleichtert. Ich will nicht immer all das sehen, was ich unbedingt gesehen haben müsste. Erneute Heuchelei: Ich bin fasziniert, wenn ich auf der Straße neben Menschen mit Smartphones jemanden im Poncho sehe. Aber wenn man den Poncho wegen mir anzieht, verschwindet die Faszination auf einen Schlag.

Abstecher zur Basilika. Zu groß für einen Ort mit einer vierstelligen Bevölkerungszahl und zu beeindruckend, um meine abschätzige Abhandlung zu verdienen. Weiter zum Kreuzweg, der auf einen kleinen Berg führt. Die Pflasterstraße ist so steil, dass ich alle paar Meter Verschnaufpause machen muss—fünf Monate Quito und noch immer kämpfe ich mit der Höhe.

Plötzlich bin ich allein; wieder eine Erinnerung an Quito. Kamera in die Tasche. Dann fällt mir erst auf, wie absurd es wäre, genau an diesem Ort überfallen zu werden, in einem derart religösen Land, in einer so touristischen Stadt. Am Ende des Weges zünden Familien Kerzen an, es wird ein Selfie nach dem anderen gemacht. Ich muss über mich selbst lachen.

Sonnenschein. Gelöste Stimmung. Ich habe das Wichtigste gesehen, oder es zumindest versucht. Auf nach La Paz.

Der früheste Bus, den ich finden kann, geht um siebzehn Uhr. Hundertfünfzig Kilometer machen vier Euro, für mich ein fairer Preis. Das Telefon zeigt Viertel nach drei. Ich laufe noch einmal am Ufer entlang, der Wetterumschwung begeistert mich, aber ein Schattenplatz wäre jetzt trotzdem schön.

Weit und breit kein Zufluchtsort vor der Sonne zu sehen und in einem der zeltartigen, in einer langen Reihe aufgestellten Restaurants möchte ich nicht platznehmen. Der Rucksack drückt, viel zu lange schleppe ich ihn schon mit mir herum. Eine niedrige Mauer, Sitzplatz, Ruhepause. Ich schaue nach links und nach rechts, den Strand entlang. Weithergereiste Pärchen schlendern ziellos umher, dazwischen ein paar Einheimische. Instinktiv greife ich nach der Kamera, aber da ist nichts. Meine Tasche ist weg.

Kurzzeitige Fassungslosigkeit. Ich denke sofort an meine Unachtsamkeit, diesen Abend in Kuba, wir saßen auf dem Malecón und mein Portmonee war plötzlich verschwunden. Im Nachhinein konnte ich nicht mehr sagen, ob ich es in die Tasche gesteckt oder neben mir abgelegt hatte, nachdem ich die Kochbananen-Chips gekauft hatte. Erinnerung ist wie Stille Post. Eine Geschichte, die sich mit jeder Wiederholung immer noch ein Stück von der Wirklichkeit entfernt.

Wieder stehe ich da und bin ratlos. Ich blicke mich um, aber niemand sieht mich an, niemand läuft etwas zu schnell davon. Da ist sie wieder, diese unglaubliche Wut auf die Welt, wenn ich selbst ein Problem habe und die Dinge wie immer ihren Lauf nehmen, gleichgültig, verächtlich. Wut als verzweifelter Versuch, die Hilflosigkeit zu maskieren.

Dann fällt mir ein, dass ich die Kamera bei mir gehabt haben muss, als ich das Busticket kaufte. Der Mann von eben ist noch da. Ich frage nach der Baumwolltasche und komme mir reichlich albern vor, wie groß dürften meine Chancen schon sein. Der Verkäufer fängt an zu grinsen, sei vorsichtig, sagt er, eben wollte sich schon jemand die Tasche greifen. Ich bin so überrascht, dass ich noch gar nicht richtig erleichtert sein kann.

Puh. Ein letztes Mal ans Ufer; jetzt entdecke ich endlich eine Stelle, wo ich mein Laptop aufklappen kann und auf dem Bildschirm sogar Einzelheiten erkennen. Es dauert nicht lange, bis mir auffällt, dass ich an der aktuellen Beschäftigung doch keine so große Freude habe und eigentlich viel lieber zum dritten Mal essen gehen würde.

Viertel nach vier. Die Bestellung lässt auf sich warten, aber die Internetverbindung ist eben so benutzbar, ich bin ohnehin beschäftigt. Für heute Abend fehlt mir noch eine Unterkunft. Erste Buchungsanfrage abgelehnt. Nicht schlimm und trotzdem ärgerlich, wieder einmal beginnt das Wettrennen gegen den Ladestand. Beim zweiten Versuch suche ich mir ein Inserat, das sich sofort buchen lässt. Ich kann gerade noch Bescheid geben, wann ich ungefähr ankommen dürfte, bevor das Telefon schwarz wird.

Die Pizza ist dann viel zu schön, um sie genusslos hinunterzuschlingen. Bus verpasst. Kein Problem, ich habe sowieso noch etwas vor. Am Schalter des Busunternehmens blickt der Verkäufer verdutzt drein, als er mich zum dritten Mal sieht. Er deutet auf seine Armbanduhr, aber da drücke ich ihm schon die Scheine in die Hand; ein absolut symbolischer Betrag, doch die Geste zählt hoffentlich.

Das nächste Ticket kaufe ich dann allerdings gegenüber, wo eine Fahrt um halb sechs angeboten wird. Halb sechs? Das ist doch schon lange vorbei, erklärt die Angestellte, und so erfahre ich, dass ich mich seit heute Morgen in einer neuen Zeitzone befinde.

Der Bus um halb sieben ist schon gut gefüllt. Ich lasse meinen Rucksack im Gepäckfach verstauen, keine Quittung, eigentlich doch viel einfacher so. Sitze mit Vinylbezug, kein Gurt, dafür die Beine schön verkeilt.

Ich habe nur einen kurzen Blick auf die Karte geworfen und überschlagen: Hundertfünfzig Kilometer, das sollte in zwei Stunden zu schaffen sein. Nicht gedacht habe ich an die bolivianischen Straßenverhältnisse. Übersehen habe ich, dass auf dem Weg eine Lücke klafft, die sich nur per Boot überwinden lässt.

Wir fahren in die Dunkelheit und in den Regen. Die Straße schlängelt sich zwischen See und Fels entlang; eine dieser Strecken, auf denen man keinen Unfall haben möchte, oder vielleicht gerade hier, dann ist es wenigstens schnell vorbei.

Soeben bin ich eingeschlafen, da halten wir an. Ein paar Leute steigen aus, ich bleibe sitzen. Nicht mein Stopp, lasst mich in Ruhe. Nichts passiert. Der Bus noch halb voll. Die Übrigen fragen einander um Rat, dann erkundigt sich jemand beim Fahrer. Der erklärt verständnislos: Natürlich müsst ihr aussteigen. Als wären wir alle ein Leben lang darauf vorbereitet worden.

Schließlich sehe ich das Ufer und verstehe. Ein anderer Bus wird gerade auf einer Nussschale übergesetzt, ebenfalls leer; trotzdem wirkt die Aktion auf mich wie russisches Roulette. Der Seegrund muss ein versunkener Autofriedhof sein. Für uns steht ein separates Boot bereit, unvergleichlich kleiner, rund zwanzig Leute und es ist ein Wunder, dass es nicht augenblicklich untergeht.

Ich erwische einen überdachten Sitzplatz. Nicht alle haben so viel Glück, etwa die Hälfte steht weiter hinten im Regen. Wir schaukeln ins Schwarze. Verstohlener Blick nach den Rettungsringen, ergebnislos. Am Ende wippt das kleine Schiff noch einmal bedenklich, dann legen wir an.

All das wegen nicht einmal einem Kilometer Wasser. Die bisher längste Brücke steht in China, sie ist 164 Kilometer lang.

Warten. Es gibt einen überdachten Steg, auf dem sich die Leute drängen, von der Seite peitscht uns Regen ins Gesicht. Von hinten dringen Gesprächsfetzen an mich heran. Englisch. Immer die gleichen Sätze: Warst du hier schon? Wart ihr dort schon? Wie sind die Straßenverhältnisse hier? Wie ist das Preisniveau dort?

Schwer zu sagen, was mich daran so stört. Oder nein, eigentlich ist es ziemlich offensichtlich. Reisen als Selbstzweck zu sehen, als interessantes Logistikproblem. Das stört mich. Unterwegs zu sein ist nie schwierig, anzukommen umso mehr.

Nach einem halben Jahr eignet sich mein Spanisch noch immer kaum für Smalltalk. Viel zu selten habe ich meine bequeme Blase verlassen, neue Perspektiven eingeholt, nachgefragt, dazugelernt. Der teilnahmslose Tourist bin vor allen anderen ich.

In der Dunkelheit ist es schwierig, auch nur Umrisse zu erkennen. Gerade ist es ein Kleinlaster, der über den See transportiert wird. Von meinem Bus noch keine Spur. Da entdecke ich einen anderen Bus, der ein paar hundert Meter entfernt an einer Straßenecke steht. Von dort muss es weitergehen. Sicherheitshalber mache ich mich schon einmal auf den Weg, ein wenig verwundert darüber, dass die anderen sich nicht von der Stelle rühren. Immerhin sind wir Südamerika, wo man zweifellos auch ohne uns abfahren würde.

Verwirrung. Hat dieser Bus, von dem gerade ein merkwürdig großer, tonnenförmiger, in Folie eingewickelter Gegenstand abgeladen wird, nicht ein ganz ähnliches Grün wie meiner? Aber nein, es kann nicht derselbe sein. Wir haben in unserem kleinen Boot zuerst übergesetzt, seitdem ist noch kein Bus angekommen. Außerdem wartet der Rest meiner Gruppe ja noch auf dem Steg. Leere Sitze hinter beschlagenen Fensterscheiben. Dann biegen sie auch schon um die Ecke und sind verschwunden.

Kurz darauf der nächste Bus, diesmal eindeutig der falsche. Doch plötzlich tauchen die Leute vom Boot auf und steigen ein. Neben mir noch ein paar andere Wartende, die hier schon länger stehen. Ansonsten bin ich allein.

Einsame Straße in fahlem Licht. Gegenüber ein menschenleerer Minimarkt. Warum war ich mir so sicher, der grüne Bus könne unmöglich meiner sein? Waren durch durch die Fenster nicht etwa doch Leute zu erkennen? Warum habe ich nicht nachgefragt?

Woanders besteht vielleicht die Möglichkeit, bei einer banalen Frage auf ein Schild verwiesen zu werden und sich kurzzeitig doof vorzukommen. Hier gibt es keine Schilder, nur das Fragen.

Ernüchterung. Mein Rucksack mag verschwunden sein, aber alle wichtigen Dinge trage ich noch in der Baumwolltasche mit mir herum. Wenn der nächste Bus bald kommt, könnte ich mein Gepäck in La Paz vielleicht noch einholen.

Langsam, langsam. Ganz langsam. Bitte bloß nicht zu hastig einsteigen, es könnte ja noch jemand stolp… Endlich stehe ich als letzter da und wedele mit meinem Ticket vor dem Gesicht des Busfahrers herum. Den hast du verpasst, meint er. Was ich versuche, ist ja nur, mit so wenigen Worten wie möglich an eine neue Mitfahrgelegenheit zu kommen. Hinten ist noch ein Platz frei.

Ich betrachte das Ticket von vorhin noch einmal genauer. Manco Kapac heißt das Unternehmen, das gerade den Rucksack transportiert. Es ist eine Reihe von Telefonnummern aufgedruckt, auch eine in La Paz.

Mein Sitznachbar sieht aus wie ein bärtiger Liam Neeson. Als ich ihn anspreche, wird er sogar zu einem freundlichen Liam Neeson. Er zückt bereitwillig sein Telefon, hat aber keinen Empfang. Versuchen wir es später noch einmal.

Die Nebensitzerin auf der anderen Seite des Gangs muss uns zugehört haben. Offenbar befürchtet sie, ich könnte in die falsche Richtung unterwegs sein. Nach La Paz willst du schon?

Wir wippen. Wir schaukeln. Zuerst denke ich noch, es handele sich um eine Umleitung. Auf der Karte habe ich immerhin eine gelbe Linie ausmachen können. Müsste die Straße dafür nicht zumindest asphaltiert sein? Aber so geht es immer weiter. Wir wogen. Wir hüpfen. Schmerzerfüllte Geräusche von der Rückbank. Als ich die Bootsstrecke für den interessantesten Abschnitt der heutigen Fahrt hielt, dachte ich nicht daran, noch auf einem echten Schiff zu landen.

Irgendwann sind wieder Straßenlaternen zu sehen. Liam probiert es noch einmal, kommt aber wieder nicht durch. Seine SIM-Karte sei aus Santa Cruz, sagt er entschuldigend. Darauf kommt es jetzt aber sowieso nicht mehr an. Mit viel Glück erreiche ich den anderen Bus noch, bevor alles Gepäck ausgeladen ist. Wenn nicht, dürfte mein Rucksack ohne Etikett längst von jemand anders reklamiert worden sein.

In den letzten Metern wechseln wir noch auf eine Art von Schnellstraße. Dann bleiben wir unvermittelt stehen. Endstation, sagt Liam. Ich soll mich nach der Haltestelle von Manko Kapac in der Nähe des Friedhofs erkundigen.

Wie ich feststelle, hat man uns direkt neben dem Busbahnhof aussteigen lassen. Auf einen Friedhof würde auch das schmiedeeiserne Tor passen, das den Zugang zur Schalterhalle versperrt. Drinnen sind noch Leute, doch der reguläre Betrieb ist wohl schon beendet. Ohnehin will mich der Wachmann nicht durchlassen. Dann also zum Friedhof.

Ein kleiner Taxifahrer mit rundlichem Gesicht kommt auf mich zu. Wer so freundlich aussieht, will mich bestimmt nicht ausrauben, auch wenn sein Gefährt nicht gerade offiziell aussieht. Nach ein paar Minuten sind wir da. Ein dunkler Platz voller grüner Busse. Welcher davon ist denn nun deiner, fragt der Taxifahrer. Guter Witz. Sie sehen alle gleich aus.

Wir laufen von einem Bus zum nächsten, alle sind sie unbeleuchtet und leer. Da entdeckt mein Begleiter eine Frau, die am Steuer zu schlafen scheint. Schon hämmert er gegen die Scheibe. Ich stelle mich auf eine missmutige Abfuhr ein, aber sie ist so freundlich, als hätte sie nur auf eine Unterbrechung ihrer Nachtruhe gewartet. Drüben sollen wir es einmal versuchen, in einem der angrenzenden Gebäude.

Eine unauffällige Flügeltür. Wir klopfen und sofort wird geöffnet. Unter schummrigem Licht hat sich augenscheinlich die ganze Belegschaft von Manco Kapac versammelt und diskutiert. Gründen sie etwa heimlich eine Gewerkschaft?

Ich bin froh, das Reden nicht mehr selbst übernehmen zu müssen. Ein Mann tritt heraus und macht für uns einen Anruf. Der Fahrer des richtigen Busses ist nicht mehr hier, aber wir bekommen eine Telefonnummer und eine Privatadresse. Es ist spät, stellt der Taxista fest, und der Weg ist weit. Wollen wir heute noch vorbeifahren oder geht es auch morgen?

Immerhin so viel weiß ich: Wenn wir schon die Gelegenheit dazu haben, müssen wir es unbedingt noch in dieser Nacht probieren.

Mehr als dreiundzwanzig Stunden auf der Uhr und die Laune ist gut. Ich erzähle von meiner Zeit in Quito; dass die Stadt höher liegt als der höchste Berg Deutschlands. Der Taxista hat ein glucksendes Lachen und eine gepresste Stimme wie nach tiefem Inhalieren. Er erklärt, unsere Tour werde uns noch auf über viertausend Meter führen.

Kurzer Zwischenstopp. Der Fahrer fragt mich nach Geld, um sein Handy aufzuladen. Ich gebe ihm ein paar Münzen. Er steigt am Rande einer großen Kreuzung aus und verschwindet im Getümmel, dann ist er auch schon wieder zurück.

Es geht bergauf, immer bergauf. Wir erreichen die Hochebene. Wohngebiet, verlassene Straßen. Ein Bahnübergang. Jetzt wäre es praktisch, wenn wenigstens einer von uns den Weg kennen würde. Der Taxista telefoniert, fragt nach der Richtung. Gleich darauf hält er an.

»Siehst du einen Bus?«

Ich sehe überhaupt nichts, außer einer hohen Mauer und den unverputzten Ziegelbauten, aus denen die gesamte Stadt besteht. Mein Begleiter ist aufmerksamer und deutet auf eine Seitenstraße.

Tatsächlich, ein Bus. Mein Bus.

Der Fahrer steigt aus und begrüßt mich mit einem Schwall anklagender Worte. Als müsse er sich dafür rechtfertigen, ohne mich weitergefahren zu sein. Während ich ihm versichere, das sei allein meine Schuld gewesen, öffnet er das Gepäckfach. Darin liegt, und in dem großen, leeren Hohlraum sieht er wirklich winzig aus, mein Rucksack.

Ich bedanke mich mit meinem besten Spanisch und den letzten Bolivianos. Jetzt fehlt mir nur noch ein Bankautomat und ein Platz zum Schlafen. Die geplante Unterkunft fällt aus, weil ich erst mein Telefon aufladen müsste, um überhaupt die Adresse herauszufinden, und um diese Uhrzeit garantiert vor einer verschlossenen Tür landen würde.

Zum Glück ist wie immer der Taxista zur Stelle. Er scheint in seinem Job richtig aufzublühen; vielleicht spielt aber auch eine Rolle, dass von dem Bankautomaten seine Bezahlung abhängt. Über Funk erkundigt er sich nach einem Hostel, doch die Zentrale meint, die seien alle ausgebucht.

Er wüsste noch etwas Anderes. Ein Hotel, Einzelzimmer, Frühstück inklusive. Etwas teurer, doch dafür wirklich fein und ganz zentral. Etwas teurer, das würde woanders bedeuten: das günstigste Hotelzimmer aller Zeiten. Nachdem ich die Nacht zuvor im Bus verbracht habe, kann ich diesen Vorschlag nicht ablehnen.

Wir sind wieder auf dem Weg ins Tal. »Más tranquilo,« lacht mein Gegenüber und meint damit mich. Beruhigt bin ich auch, natürlich. Trotzdem freue ich mich mehr als über den abgewetzten Rucksack darüber, eine weitere, mittelmäßig spannende Geschichte erzählen zu können. Außerdem habe ich ganz vergessen, dass ich seit rund sechs Stunden aufs Klo muss.

Ich gelange gleich am ersten Automaten zu Geld. Letzter Halt. Außen Glasfront, drinnen noch Licht. Der Nachtportier holt bereitwillig einen übrigen Schlüssel vom Brett. Mein treuer Helfer hat nicht übertrieben. Es ist ein beinahe wehmütiger Abschied.

Noch nicht einmal ein Uhr. Nicht spät, aber so fühlt es sich an. Ich stehe unter der Dusche, sogar warmes Wasser gibt es hier, und bin rundum zufrieden. Erst am nächsten Tag erfahre ich, dass überall sonst in La Paz, in dem Land, in dem ich am selben Tag zweimal nicht bestohlen wurde, zwischen siebzehn und sechs Uhr das Wasser abgestellt wird.

Florian Lehmuth
23. Mai 2017
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