Proudly made on earth

Was mache ich hier

Ich beobachte den Streifenwagen durchs Gebüsch.

Ich bin unsichtbar. Ich bin unsichtbar. Ich bin unsichtbar.

Daran muss ich mich erinnern, weil sich der Wagen so nervenzerreißend langsam bewegt. Als würde er sich an mich anpirschen. Als würden die Scheinwerfer immer heller, bis sie mich völlig entblößten. Ich wäre nicht nur ausgeliefert, sondern der Lächerlichkeit preisgegeben. Eine hagere Gestalt, die sich nachts auf einer öffentlichen Grünfläche an ein paar verdorrten Grashalmen festklammert. Ohne Erklärung. Lächerlich.

Ich spüre, wie sich der steinige Untergrund gegen meine Hüfte drückt. All das nur wegen meines Abendessens bei Walmart und dem viel zu bereitwillig vorgezeigten Pass. Das Auto befindet sich jetzt direkt vor mir. Es biegt um die Ecke und verschwindet.


31. Juli 2016

Ein Ort kann eine Utopie sein. Die Frage ist: Wer macht den Einlass?

San Antonio heißt mein Ausstieg und kaum stehe ich auf dem Bahnsteig, fällt mein Blick auch schon auf ein knallbuntes Google-Fahrrad. Wer es wohl dort abgestellt hat? Ob ich es etwa mitnehmen darf? Kein Schloss zu erkennen. Auch kein GPS-Modul oder andere Vorrichtungen. Ich sehe mich innerlich schon mit meiner neuen Kutsche durch das Valley cruisen, nach Osten und wieder am Grand Canyon vorbei, immer weiter. Mit schweren Schritten verlasse ich den Bahnhof.

Neben der Bahnstrecke verläuft eine mehrspurige Schnellstraße. Über meinen Kopf führt eine Brücke hinweg, die als Autobahnauffahrt dient. Meine Umgebung ist eine graue, abstoßende Betonwüste.

Den Abend verbringe ich bei Walmart, wo ich ein weiteres Paar defekter Kopfhörer umtausche und mein Abendessen einnehme. Die Auswahl ist begrenzt, also gibt es wieder einmal Kartoffelsalat.

Nach einem Blick auf Google Earth mache ich mich auf in Richtung Bucht, wo ich das einzige unbebaute, unkultivierte Stück Land entdecken kann. Es begrüßt mich eine faulig riechende Sumpflandschaft, die vor allem bei Mücken beliebt zu sein scheint. Mein erster Schlafplatz liegt zu nah am Wasser. Als nach einer halben Stunde meine Hände völlig zerstochen sind, ergreife ich die Flucht.

Im Hintergrund blinken Strommasten über dem schwarzen Wasser. Der schmale Pfad, von dem ich gekommen bin, liegt in dunkler Stille verlassen da. Schon stehe ich wieder am Eingang des kleinen Parks. Ein langgestreckter Parkplatz wird von einem hüfthohen Balken umschlossen, der die Grenze zur Wildnis markiert. Auf der anderen Seite befindet sich ein leichter Anhang, der von goldgelbem, trockenen Gras bewachsen ist. An einigen Stellen ist das Gras flach auf den Boden gedrückt, diese Mulden sind dann von höherem Gras und vereinzeltem Gebüsch umschlossen. Keine Mücken. Ich lasse mich nieder.

Die Nacht ist erholsam und bringt lebhafte Träume.

Als die ersten Sonnenstrahlen auf mein Gesicht treffen und den Schlafsack aufheizen, taucht in meiner Fantasiewelt plötzlich eine Sauna auf. Jemand steigert die Temperatur Schritt für Schritt ins Unerträgliche. Ich schlage unwillig die Augen auf und stelle fest, dass der Parkplatz mittlerweile voller Autos ist. Die Besucherinnen sind überwiegend weiblich, im gehobenen Alter und tragen fast alle die unfassbar hässlichen runden Stoffhüte mit breiter Krempe, die im Silicon Valley gerade der letzte Schrei sein müssen.

Auch wenn die Ankömmlinge mein Lager deutlich sehen dürften, werde ich angenehmerweise komplett ignoriert. Schnell rolle ich den Schlafsack zusammen und verstaue ihn unter einem Busch. Praktischerweise befindet sich gleich am Eingang des Parks ein Klohäuschen. Da es nur einen einzigen abschließbaren Raum für alle gibt, wird meine Morgenroutine immer wieder von Klopfgeräuschen an der Tür begleitet. Ich erledige das Pflichtprogramm in drei Abschnitten: Zuerst der Toilettengang. Dann Umziehen und Zähneputzen. Zuletzt wasche ich mir in dem kleinen Waschbecken mit Handseife die Haare und trockne sie unter dem Gebläse, mit dem sich wohl auch ein Windkanal betreiben ließe.

Wie ich an diesem Montag enttäuscht feststelle, gibt es auf dem Google-Campus keineswegs das schnellste WLAN der Welt. Nachdem ich lange genug die hippen Angestellten auf sonnenbeschirmten Bänken ihre trendigen Inklusivmahlzeiten einnehmen gesehen habe und mich mit meinem großen Rucksack wie ein Fremdkörper vorgekommen bin, gehe ich weiter zur Bibliothek von Palo Alto. Überraschung: Hier macht das WLAN richtig Freude.

Zum Abendessen gönne ich mir eine Schale Käse-Tortellini mit Pesto aus dem Supermarkt, ein teurer und entsprechend seltener Genuss. Beschwingt kehre ich zu meinem temporären Zuhause zurück. Auf dem Weg rauscht das erste selbstfahrende Auto an mir vorbei.

Vor dem Schlafengehen wäre ein kurzer Abstecher ins Klohäuschen nicht schlecht, aber das hat schon geschlossen. Ich wende mich ab und steuere auf eine dunkle, dicht bewachsene Ecke zu, als mir jemand entgegenkommt und ebenso vergeblich an der Klotür rüttelt. Er murmelt etwas in meine Richtung, doch wie immer trage ich Kopfhörer und gehe nicht darauf ein.

Ich erwarte, meinen Schlafsack problemlos wiederzufinden, denn genau vor dem entsprechenden Busch ist der Balken etwas abgesackt. Perfekt, um darüberzuklettern. Doof nur, dass genau jetzt ein riesiges weißes Auto davor parkt. Ich bin gerade auf der anderen Seite angelangt, bereit, die Handylampe einzuschalten, als ich den Typen vom Klohäuschen in meine Richtung kommen sehe. Weil ich keine passende Ausrede habe für das, was ich da mache, lasse ich mich einfach auf der kleinen Anhöhe nieder um zu warten, bis der Unbekannte verschwindet. Er läuft natürlich direkt auf das Auto zu, das vor mir abgestellt ist. Warum kann es nicht eines der zwei oder drei anderen sein, die zu so später Stunde noch hier stehen?

Ich sehe, wie der Unbekannte ins Auto steigt, und zähle gedanklich die Sekunden, bis er endlich den Motor startet. Stattdessen steigt er nach einer Weile wieder aus. Er hält jetzt eine Taschenlampe in der Hand und leuchtet mir damit direkt ins Gesicht. Oh nein, denke ich, es handelt sich um jemanden von der Parkverwaltung. Dazu würde auch der gigantische Truck passen. Doch weit gefehlt.

Was machst du da, will er wissen. Beobachtest du mich etwa?

Es handelt sich um einen rundlichen Mann mittleren Alters, der gut in die Tech-Branche passen würde und der durch unsere nächtliche Begegnung weitaus stärker verunsichert ist als ich. Daraufhin deutet jedenfalls sein unbeholfenes Grinsen.

Ich versichere ihm, dass ich ihn ganz bestimmt nicht beobachte und verspreche, zu gehen.

Ist das nicht dein Auto da drüben, schlägt er vor. Als würde ich einfach all meine Prinzipien verraten, selbst wenn ich es mir leisten könnte. Und warum sollte ich als Autobesitzer den bleischweren Rucksack mit mir herumschleppen?

Ich steige über den Zaun und laufe ein paar Schritte in Richtung Dunkelheit. Auch wenn ich es mir nicht anmerken lassen will, ich bin richtig angepisst. Was für ein *****, mich einfach von meinem Schlafplatz zu vertreiben. Ich war schließlich zuerst da. Um die genaue Stelle geht es mir ja gar nicht, ich will einfach nur meinen Schlafsack abholen.

Der ***** unterbricht meine innere Wutrede, indem er mir hinterherruft: Ich bin mir ziemlich sicher, dass das hier ein Naturschutzgebiet ist.

Irgendwo müsse auch ein Schild sein.

Ich fasse es nicht. Er läuft tatsächlich mit der Lampe am Zaun entlang, auf der Suche nach einem Schild, das seine Position untermauert. Dass ich einfach nur schlafen möchte, scheint ihm überhaupt nicht in den Sinn zu kommen. So viel widerwärtige Impertinenz habe ich außerhalb Deutschlands nicht erwartet.

Ich biege in eine Seitenstraße ein und setze mich auf die oberste Stufe einer kleinen Treppe, von wo aus ich den Parkplatz überblicken kann. Noch habe ich Hoffnung, dass der ********* bald verschwinden wird. Erst nach ein paar Minuten erlange ich die Gewissheit, dass er selbst das Gleiche vorhat wie ich: Er wird in seinem Auto übernachten.

Jemand in seiner Situation kann sich nicht vorstellen, dass noch andere hier schlafen möchten?

Auf dem Satellitenbild finde ich keine andere Fläche, die weit genug vom Wohnviertel entfernt ist und gleichzeitig nicht zu nahe am Sumpf liegt. Unentschlossen gehe ich ein Stück den Wanderpfad Richtung Osten entlang. Auf der Karte sind einige Bäume zu erkennen, die einen großen Parkplatz umgeben. Doch nirgendwo ist das Unterholz so dicht, dass ich mich darin verstecken könnte. Ich laufe weiter, und sehe in der Ferne das zweite Google-Auto eine leere Straße entlanggleiten.

Schließlich komme ich an einer kleinen Kreuzung an. Links befindet sich ein Golfplatz, rechts ein Sportplatz. Letzterer ist durch zwei Meter hohe Gitter eingegrenzt, die jedoch einen mehrere Meter breiten Saum in Richtung Weg übriglassen. Dieser Streifen ist leicht erhöht, von kniehohem Gras bewachsen und bildet mein Zuhause für die Nacht. Was für ein Glück, dass ich seit Monaten neben dem dicken Schlafsack von Walmart einen zweiten Schlafsack im Rucksack herumtrage. Für Übernachtungen im Freien ist er zwar eigentlich zu dünn, aber eine Nacht sollte ich damit durchaus überstehen.

Wieder einmal würde ich am liebsten die Zeit anhalten, als es kurz nach Sonnenaufgang nicht mehr zu kalt und noch nicht zu warm ist. Aber nebenan auf dem Golfplatz herrscht schon reger Betrieb. Ein Klo wäre jetzt auch nicht schlecht. Während ich in meine Schuhe schlüpfe und den Schlafsack zusammenrolle, muss ich über die Ironie der Situation schmunzeln. Fünfzig Meter von mir entfernt arbeiten vermutlich einige der mächtigsten Leute des Planeten an ihrem Handicap, und doch müssen sie damit leben, dass gelegentlich jemand wie ich aus dem Gebüsch gekrochen kommt.

Als ich zurück am Parkplatz bin, ist der weiße Truck schon verschwunden. Ich gehe meiner Morgenroutine nach und verbringe einen weiteren Tag in der Bibliothek.

Die Aufregung des letzten Abends habe ich schon fast vergessen. Eigentlich müsste ich mich verloren fühlen, in einer fremden Stadt und ohne Rückzugsort. Aber ich stelle immer wieder fest, wie schnell ich mich an eine neue Umgebung gewöhne. Wenn ich zum zweiten Mal dieselbe Straße entlanglaufe, fühle ich mich dort schon zuhause.

In meiner Nachdenklichkeit entgeht mir völlig, dass mein Schlafsack noch immer im Gestrüpp liegt und darauf wartet, wiedergefunden zu werden.

Am Abend dasselbe Spiel wie in der Nacht zuvor. Der Parkplatz ist leer, nur an der Stelle, wo ich mein Versteck vermute, parkt neuerlich das weiße Ungetüm. Endlich kommt mir in den Sinn, dass es noch viele Tage so weitergehen könnte. Das kann ich nicht hinnehmen. Ich wechsle auf die andere Straßenseite, wohin nur noch minimales Laternenlicht scheint, und passiere mit hastigen Schritten das Auto. Die Beifahrerinnentür steht halb offen, mehr kann ich auf die Schnelle nicht erkennen.

Auf der Südseite der Kiesfläche zweigt der Pfad ab, den ich gestern zum Sportgelände genommen habe. In diese Richtung will ich nicht noch einmal gehen. Stattdessen entdecke ich einen unscheinbaren Trampelpfad, der auf der Rückseite des kleinen Damms den Sumpf entlangführt und auf der gegenüberliegenden Seite des Parkplatzes beim Klohäuschen endet. Perfekt.

Ich pirsche mich durch das Gestrüpp an die Stelle heran, wo der Balken abgesenkt ist. Zwei dunkle Scheinwerfer blicken mich an wie ein weit aufgerissenes Paar Augen. Ich schalte die Handylampe ein und schleiche von Busch zu Busch. Unter mir knistert das trockene Gras. Immer wieder halte ich die Hand vor die Leuchtdiode und lausche angespannt in die Stille. Da ist nichts. Aber auch vom Schlafsack fehlt jede Spur. Ich leuchte noch ein zweites Mal ins Unterholz, danach ein drittes Mal. Das kann doch nicht sein!

Die zweite Nacht im Indoor-Schlafsack ist deutlich kälter. Es muss ein leichter Nebel heraufgezogen sein. Jedenfalls ist meine Brille, die ich neben mir abgelegt habe, innerhalb kürzester Zeit beschlagen. Etwas später spüre ich die Feuchtigkeit dann auch außen auf der Plastikhülle, die mich zudeckt. Das Schlafen fällt schwer, und nicht nur wegen der Temperatur. Obwohl der Untergrund auf den ersten Blick wunderbar weich aussieht, stellt er sich nach einem längeren Liegetest als äußerst uneben und felsig heraus.

Als die ersten Sonnenstrahlen eintreffen, fällt mir das Aufstehen besonders schwer, weil diesmal auch mein Rücken höchst ungern bewegt werden will. Trotzdem bringe ich irgendwie das morgendliche Pflichtprogramm hinter mich.

Danach denke ich endlich daran, dass ich noch etwas abholen muss. Bei Tageslicht habe ich die leuchtend grüne Schlafsackhülle mit einem Blick aufgespäht. Mit in die Bibliothek möchte ich mein Bett allerdings immer noch nicht schleppen. Stattdessen platziere ich es bis zum Abend an einer etwas markanteren Stelle auf der Rückseite des Hügels.

Ich verbringe noch sechs weitere Nächte am Rande des Naturschutzgebiets. Mit jedem Mal genieße ich das Refugium noch ein wenig mehr.

Zweimal läuft am Morgen jemand den Trampelpfad entlang, aber ich kann nicht feststellen, ob ich entdeckt werde. Ansonsten bin ich völlig allein, umgeben von den unterschiedlichsten Vogelarten, die die bizarrsten Geräusche von sich geben. Am Abend leuchtet der Himmel über der Bucht in dunklem Smog-Rot. Dann breite ich schnell den Schlafsack aus, höre noch ein wenig Podcasts und falle innerhalb kürzester Zeit in einen Schlaf, der nur so tief sein kann, wenn keinerlei Sorgen im Kopf herumkreisen. Ich zahle keine Miete, muss mir mit niemandem eine Wohnung teilen und mich keinem Menschen gegenüber rechtfertigen. Wer ist jemals so frei?

Wenn der Sommer nicht irgendwann enden würde, könnte ich ewig so leben.


05. August 2016

Vor mir steht mein Abendessen: Toastbrot, Avocado, Kartoffelsalat und zwei Becher Joghurt. Ich lasse es mir gutgehen. Der Hunger ist so groß, dass ich gleich auf dem Walmart-Parkplatz esse. Ich kann nicht der einzige sein, dem es so geht, sonst stünde dort nicht ein einladender Picknicktisch, der zwischen Gartenabteilung und Einkaufswagenschlangen etwas deplatziert wirkt.

Im Küchenradio wird diskutiert, in welchem Maße eine freie Gesellschaft Verbrechen tolerieren muss. Plötzlich verdunkelt sich mein Esstisch. Ein paar Sekunden lang bleibe ich bei meiner Mahlzeit, dann wundere ich mich, dass der Schatten nicht verschwindet. Ich schaue auf und blicke in das Gesicht eines Polizisten.

Lass dich nicht stören, meint er, obwohl er genau das tut.

Ich möchte zunächst einmal klarstellen, sagt er, dass du dich nicht mit mir unterhalten musst und auch nicht verhaftet bist.

Ich frage mich, ob er das wohl als Beschwichtigung versteht.

Er wolle nur Kontakt zu den Obdachlosen in dieser Gegend aufnehmen. Ob ich denn aus Mountain View komme.

Ich erkläre, dass ich aus Europa komme und nicht obdachlos bin, sondern Backpacker.

Mein Gegenüber ist noch nicht ganz überzeugt. Er fragt mich nach einem Ausweis. Kurz überlege ich, ob ich von meinem Recht Gebrauch machen und ihm den Pass vorenthalten soll, dann hole ich ihn aus dem Rucksack. Er betätigt das Funkgerät und gibt meine Daten durch.

Du schläftst also nicht auf der Straße?

Da sitze ich, schaufle mit mitgebrachtem Besteck Supermarktessen in mich hinein, habe einen abgewetzten Rucksack neben mir stehen und seit einer Woche nicht geduscht.

Es gibt hier eine Menge Hostels und Airbnbs, stelle ich ausweichend fest. Gecampt habe ich in den Nationalparks, rund um den Grand Canyon.

Der Beamte beruhigt sich. Er steigt nun in den Smalltalk ein, schwärmt von San Francisco, als ich ankündige, morgen dorthin weiterzuziehen. Er sieht gut aus in seiner Uniform. Ein netter Polizist, fast schon unrealistisch. Wie ein lebendig gewordenes Werbeplakat.

Ich fühle mich ermutigt zu fragen, was denn geschehe, wenn er tatsächlich auf Obdachlose stoße. Ein kurzes Zögern. Ob es Notunterkünfte gebe, frage ich.

In San Francisco auf jeden Fall, sagt er, und dann hat er von der Unterhaltung genug. Er betont noch einmal, dass ich nicht verhaftet bin—vielleicht um sich zu versichern, dass er nach wie vor die Oberhand hat. Ich bin wieder allein.

In Deutschland saß ich ein einziges Mal kurzzeitig in einem Streifenwagen, als ich in der U-Bahn ohne Portmonee erwischt wurde. Seit fünf Monaten bin ich nun in den USA und es gab so viele Zusammentreffen, dass ich kurz überlegen muss.

Fünf Mal. Fünf Mal hatte ich hier schon mit der Polizei zu tun.

Da war der Februarabend in Queens, als ich bei Dunkelheit durch den Park lief und Fotos von der Skyline machte. Als nach einiger Zeit ein Zivilfahrzeug neben mir hielt und die getönte Scheibe herunterließ. Zu diesem Zeitpunkt war mir tatsächlich nicht bewusst, dass Parks in diesem Land Öffnungszeiten haben. Wenigstens war ich über keine Absperrung geklettert.

Anders ein paar Wochen später in New Jersey, als ich erneut vom Anblick Manhattans fasziniert war und einen hüfthohen Eisenzaun überwinden musste, um in den Hamilton-Park zu gelangen. Diesmal war die Polizei schon weniger begeistert, ermahnte mich mehrfach und nahm meine Personalien auf.

In Denver war ich mehr als vierzig Stunden lang wach, weil es viel zu kalt war, um sich auch nur für einen Moment gegen eine Hauswand zu lehnen. Kein Restaurant, kein Laden oder Bahnhof bot mir Zuflucht. Auch nicht das Amtrak-Terminal, das hauptsächlich als Lobby eines Grandhotels fungiert. Ich lud den Akku meines Telefons auf und hatte gerade erst die Augen geschlossen, als prompt ein Streifenpolizist vor mir stand. Ohne Ticket wurde ich direkt nach draußen geschickt. Ohnehin sollte der Bahnhof bald schließen.

Während meiner Fahrradtour machte ich mich in New Mexico wie immer erst spät nachts auf Schlafplatzsuche und wurde von Blaulicht überrascht, das unvermittelt hinter mir aufleuchtete. Die Beamten geleiteten mich nach einem Blick auf die Papiere immerhin zur örtlichen Tankstelle, wo ich eine lange Nacht verbrachte. Zu schlafen traute ich mich erst am nächsten Morgen und lag mit dieser Entscheidung wohl auch nicht ganz falsch. Jedenfalls drehte in der Dunkelheit zweimal ein Streifenwagen seine Runde über den Hof, um nach dem Rechten zu sehen.

Es war noch früher Morgen, als ich mit dem Bus in Los Angeles ankam. Erst einmal ruhte ich mich für ein paar Stunden im Park aus und sah mich dann nach einer Steckdose um. Ich fand sie in der Tiefgarage unterhalb des Rasens und ließ mich zufrieden auf dem Boden nieder, bevor ich im nächsten Augenblick von mindestens vier Polizisten umringt war. Besonders, dass ich neben dem auffälligen Kabel meine Kamera abgestellt hatte, schien ihnen überhaupt nicht zu gefallen. Immerhin war mein Outing als Reisender ist so überzeugend, dass sie mich mit ein paar mahnenden Worten gehen ließen.

Was für ein Land, in dem sich große Teile der Bevölkerung vor ihrer eigenen Polizei fürchten müssen. In dem Obdachlose schikaniert werden, außer sie haben den richtigen Pass.

Froh, Mountain View bald hinter mir zu lassen, mache ich mich auf den Weg zu meinem Stammplatz und drehe mich dabei immer wieder argwöhnisch um. Als der Streifenwagen auftaucht, habe ich längst mein Lager auf der anderen Seite des Gebüschs aufgeschlagen.


Ohne Unterkunft ist die Bedeutung der Dinge auf den Kopf gestellt. Ein Haus wird vom Symbol der Geborgenheit zu einem Zeichen von Abgrenzung. Ein Wohnviertel verwandelt sich von einem Ort der Kindheitserinnerungen und Zukunftspläne in feindliches Territorium. Dort, wo so viele Menschen dicht an dicht schlafen, nur durch ein paar dünne Mauern voneinander getrennt, kann ein weiterer Mensch auf der Straße nicht toleriert werden. Nur fernab der Zivilisation lässt sich Unterschlupf finden.


08. August 2016

Meine Welt ist eine wabernde Blase. Die Realität besteht aus verzerrten Spiegelbildern, die sich gegenseitig zu einem irren Tanz auffordern. Wahnsinn ist, wenn alles Sinn ergibt. Was für eine schöne Schattenwelt, in der meine Gedanken einfach nur kreisen dürfen, unzusammenhängend, ungefiltert, schwerelos.

Eine laute Stimme reist mich mit voller Wucht aus dem Schlaf.

SFPD. Aufstehen!

Ich wälze mich auf den Rücken und befreie mich vom Kopfteil des Schlafsacks, das mein Gesicht bedeckt. Überrascht stelle ich fest, dass es draußen schon hell ist. Für den neuen Tag muss der Morgen so unfreiwillig hereingebrochen sein wie für mich. Das Licht ist fahl und die Luft viel zu kühl für August. Der Autolärm klingt noch deprimierender als sonst. Um diese Uhrzeit ist niemand aus freien Stücken unterwegs. Um diese Uhrzeit ist nur wach, wer geweckt wurde.

Ich hatte keine Absicht, die Nacht über hierzubleiben. Nicht in San Francisco. Im Vogelreservat, wohin ich jeden Abend zurückkehre, da fühle ich mich nicht als Eindringling, dort bin ich Teil der Landschaft. Hier gibt es nur Autobahnbrücken und Gehwege und Hauseingänge. Das Gefühl der Kälte, vielleicht kommt es nicht bloß vom rauen Seewind. In San Francisco stranden diejenigen, die es nicht mehr nach Los Angeles geschafft haben.

Dass ich nun am Straßenrand aufwache, das liegt an einem verpassten Zug. Google Maps kündigt die letzte Verbindung nach Mountain View für Mitternacht an, genau wie der Aushang am Bahnhof. Aber wie soll ich zum Zug kommen, wenn der Bahnhof geschlossen ist?

Ein Radfahrer dreht eine große Runde über den Vorplatz und kommt vor dem vergitterten Eingang zum Stehen. Ich sehe, wie er sich mit jemandem unterhält, der auf der anderen Seite einen Hochdruckreiniger bedient. Erfolglos tritt er in die Pedale und fährt davon. Danach tauchen zwei Frauen mit Koffern auf, stehen ebenfalls ratlos vor dem Tor und lassen sich kurz darauf von einem Taxifahrer anwerben.

Ich weiß genau, was jetzt kommt. Ich werde kein Vermögen für eine Fahrt zurück nach Mountain View bezahlen. Ich werde auch nicht nach einem Hostel suchen, um mit Glück mehrere Tagesbudgets für ein paar Stunden in einem stickigen Schlafsaal ausgeben zu können. Vor ein paar Monaten hätte ich das wahrscheinlich getan.

Jetzt weiß ich, dass ich auf einem ebenen Stück Beton bequemer liegen kann als in manchem Bett. Ich weiß auch, dass ich noch ein anderes Leben habe, in das ich jederzeit zurückkehren kann, mit Bonusheft, Biogemüse und Briefkastenschild. Wie grundlegend ich mich dadurch von all denen unterscheide, die ihre Schlafsäcke hier ausbreiten, weil es für sie keinen anderen Ort gibt. Vor allem weiß ich, wie schnell die Zeit bis zum Morgen vorbei sein wird.

Die Frage ist nur, wo in einer Stadt, in der selbst Facebook-Angestellte keine Wohnungen mehr finden, noch Platz für mich ist.

Weil Richtung Osten nur der Hafen und danach das Wasser kommt, wende ich mich nach links, zurück in die Innenstadt. Nach ein paar Metern passiere ich jemanden, die sich neben ihrem Einkaufswagen gegen eine Hauswand lehnt. Sie ruft mir nach, ob sie einen Schluck von meiner Orangenlimonade abhaben könne. Ich überlasse ihr die fast volle Zwei-Liter-Flasche, eben erst bei Target besorgt, natürlich mit echtem Zucker. Exzellente Flüssignahrung, die sich im Selbstversuch bewährt hat.

Schicke Brille, sagt sie. Brauchst du die wirklich?

Sie könnte in meinem Alter sein. Aus ihrer Stimme klingt eine unerwartete Wärme.

Ich erkläre ihr, dass ich ohne Brille praktisch blind bin. Es fühlt sich schlecht an, mich aus dem Gespräch zu winden, aber ich mache es trotzdem. Dass ich hier bin, hat auch damit zu tun, dass ich solchen Gesprächen entgehen möchte.

Wie sich zeigt, ist noch schwieriger, als eine Freifläche zu finden, eine zu finden, die nicht schon belegt ist. In Seitenstraßen, auf Parkplätzen, zwischen Brückenpfeilern: Überall Menschen, die ganze Zelte aufgestellt haben, die sich in Schlafsäcke zurückziehen oder auf Kartons kauern, in der Dunkelheit kaum auszumachen. Wie viele es wirklich sind, das fällt mir erst jetzt auf.

Zwischen zwei Autobahnrampen in der Fifth Street befindet sich eine ausgedehnte Brache. Erst als ich bemerke, dass dort schon jemand liegt, kommt sie mir etwas zu klein vor.

Was weiter in der Harrison Street wie ein Park aussieht, ist der Sportplatz einer Grundschule, noch dazu umzäunt. Ich zoome ein Stück heraus. Auf dem Satellitenbild dehnen sich in alle Richtungen kilometerweit nur graue Rechtecke aus.

Noch ein paar Blocks nach Südwesten, dann komme ich zu einer weiteren Autobahnauffahrt. Highway 101, steht auf dem Schild. Hier gibt es einen großzügigen Seitenstreifen, mit Rindenmulch gepolstert. Hohe Brückenpfeiler ruhen auf quadratischen Betonblöcken. Neben dem höchstgelegenen Quader steht ein Einkaufswagen. Nur bei genauem Hinsehen ist die Person zu erkennen, die sich hinter den Betonblock gelegt hat. Nicht gut, aber ausreichend.

Ich krame ein weiteres Mal den dünnen Schlafsack hervor, setze den Rucksack als Kopfkissen neben dem vordersten Pfeiler ab und strecke mich auf dem watteweichen Boden aus. Dass ich von der Kreuzung aus problemlos gesehen werden kann, ist mir egal, solange mich die Welt in Ruhe lässt. Die Brille behalte ich an, für alle Fälle. Ich ziehe den Schlafsack über den Kopf und es wird dunkel.

Ist dir bewusst, dass du dich unerlaubt auf dem Grund des Bundesstaats aufhältst, fragt der Polizist.

Tatsächlich ist mir das neu. Irgendetwas an seinem Satz kommt mir komisch vor. Wäre es etwa besser, mich auf Privatgelände zu begeben?

Mittlerweile habe ich mich mit etwas Mühe aufgerichtet und stehe auf meinem Schlafsack.

Was machst du hier, fragt der Beamte mit einem seltsamen Unverständnis. Als sei das nicht offensichtlich. Ich erzähle ihm dass ich, unschuldiger Tourist aus Deutschland, den letzten Zug verpasst habe und mich lediglich etwas ausruhen wollte. Aus Reflex, und weil es kalt ist, schiebe ich die Hände in die Manteltaschen. Keine gute Idee.

Hände aus den Taschen, ruft der Polizist umgehend.

Das mache ich, vergesse aber gleich wieder, was ich mit ihnen anfangen wollte, und stecke sie automatisch zurück.

Hände aus den Taschen, brüllt der Polizist noch einmal. Seine Stimme klingt wie ein Schwertransport, der direkt auf mich zurollt.

Ich reagiere sofort und bemerke erst dann, dass was er da hält und was so metallisch blitzt, eine Elektroschockpistole sein muss. Bevor ich weiß, wie mir geschieht, stecken meine Handgelenke in einer Plastikschlaufe und sind auf meinem Rücken zusammengebunden.

Komm mit, verlangt er.

Ich entgegne halblaut: Sir, ich habe keine Schuhe an.

Trägst du Socken, fragt er. Das muss reichen. Ich werde am Oberarm gepackt und ein paar Meter weit geführt, zu Boden gelassen und gegen einen der Betonblocks gelehnt.

Der Polizist verschwindet für kurze Zeit, dann kehrt er zurück und zieht mich hoch, als sei ich ein Sack Rindenmulch. Drei Schritte weiter werde ich wieder abgesetzt. Ein Kollege beugt sich jetzt über mich.

Was machst du hier, fragt er ebenfalls, aber auf Deutsch.

Ich bin so verwirrt, dass es mir beinahe die Sprache verschlägt. Mein Gegenüber hat einen erkennbaren Akzent, doch ich kann ihn gut verstehen. Dagegen fühle ich mich so, als hätte ich die Wörter, die nach so langer Zeit zum ersten Mal aus meinem Mund kommen, eben erst erfunden.

Der zweite Polizist lässt nicht so leicht locker wie sein Partner. Ich versuche, ihn zu beruhigen, indem ich erkläre, dass ich mich nur noch ein paar Tage im Land befinden werde. Die Weiterreise nach Süden habe ich schon gebucht.

Seine Miene verfinstert sich. Mexiko, sagt er halb misstrauisch, halb belehrend. Da ist es gefährlich.

Falls die beiden meine Personalien aufnehmen und dabei auf einen Vermerk aus Mountain View stoßen sollten, wäre ich verloren. Ich rede weiter, von Südamerika, all den Freundinnen und Freunden, die ich noch besuchen möchte.

Endlich habe ich das Gefühl, dass Polizist zwei das Interesse an mir verliert. Ich fühle mich ermutigt zum Gegenangriff.

Darf ich fragen, wo Sie Deutsch gelernt haben?

Er blickt entgeistert drein. Deutschland, fährt er mich dann an.

Gespräch beendet. Er erhebt sich und wendet sich dann wieder der Person zu, die sich hinter den benachbarten Pfeiler gelegt hat. Jedenfalls kann ich hören, wie die beiden auf jemanden einreden.

Der erste Polizist taucht wieder auf und wirkt mit einem Mal geradezu freundlich. Er hilft mir auf und durchtrennt meine Handfessel.

Ich ziehe mir meine neuen Schuhe an, die ich erst am Vorabend der Abholstation entnommen habe. Sie glänzen mattschwarz, fast so, als hätte sie jemand eingecremt. Ich trage enge schwarze Jeans und meinen dunkelblauen Mantel.

Du siehst viel zu schick aus, um auf der Straße zu schlafen, grinst Polizist eins. »Dandy« nennt er mich, um genau zu sein.

Als ich den Rucksack geschultert habe und die Seventh Street entlanglaufe, bricht die Heiterkeit auch über mich herein. Meine Brust bebt. Ich muss mich beherrschen, um nicht laut loszulachen.

Erst später fällt mir die Person wieder ein, die sich so unauffällig hinter den Pfeiler gelegt hat. Vielleicht steckt sie jetzt in Schwierigkeiten, und das nur, weil ich mich selbst so überaus auffällig verhalten habe. Es ist bewölkt an diesem Montagmorgen und die Welt wirkt blass, fast farblos.

Florian Lehmuth
12. Januar 2018
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